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A Beautiful Day
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A Beautiful Day (Originaltitel: You Were Never Really Here) ist ein Melodram von Lynne Ramsay, das am 27. Mai 2017 im Rahmen der Filmfestspiele in Cannes seine Premiere feierte. Der Film mit Joaquin Phoenix basiert auf dem gleichnamigen Roman von Jonathan Ames aus dem Jahr 2013. Der deutsche Kinostart erfolgte am 26. April 2018.
Contents
âą Handlung
âą Produktion
âą Rezeption
âą Filmanalyse
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Handlung
Der abgehalfterte Kriegsveteran Joe hat es sich zur Aufgabe gemacht, Frauen zu retten, die kriminellem Sexhandel zum Opfer gefallen sind, und KinderschĂ€nder zu töten. Nach getaner Arbeit und nachdem er nicht nur den Tatort gereinigt hat, sondern auch seinen Hammer, sein bevorzugtes Mordwerkzeug, spricht er seinem Auftraggeber John McCleary auf den Anrufbeantworter, dass der Job erledigt sei. Seine Bezahlung erhĂ€lt er von MittelsmĂ€nnern, so von Angel, der in seiner Heimatstadt einen kleinen Supermarkt betreibt. Joe lebt mit seiner an Demenz erkrankten Mutter zusammen in einem AuĂenbezirk von New York City; sie sorgt dafĂŒr, dass er auch zu Hause jede Menge zu putzen hat.
Joes Körper ist von Narben ĂŒbersĂ€t. Erfahrungen aus seiner Kindheit und aus KriegseinsĂ€tzen scheinen auch auf seiner Seele Narben hinterlassen zu haben. RegelmĂ€Ăig zieht sich Joe eine PlastiktĂŒte ĂŒber den Kopf, was ihn fast das Bewusstsein verlieren und die Erinnerungen an die Worte seines Vaters weniger real erscheinen lĂ€sst. Wenn sich Joe in der Ăffentlichkeit bewegt, hat er immer wieder Flashbacks, die insbesondere durch die Gesichter von Menschen ausgelöst werden.
McCleary bestellt Joe wegen einer dringenden Angelegenheit in sein BĂŒro. Bei seinem nĂ€chsten Job gehe es darum, die Tochter des Senators Votto zurĂŒck nach Hause zu bringen, der sich in der Sache jedoch nicht an die Polizei wenden kann, weil er sich mitten in einem Wahlkampf befindet. Von ihrem Vater erfĂ€hrt Joe, dass die MinderjĂ€hrige nach einem Ausflug am Wochenende nicht zurĂŒckgekehrt ist und in welchem Etablissement er sie vermutet. Der Senator will, dass die MĂ€nner leiden, die Nina gefangen halten.
Joe begibt sich in einen Baumarkt und besorgt sich einen neuen Hammer. Er observiert das Bordell in Manhattan, in dem er Nina vermutet. Er verschafft sich Zugang zu dem Haus, erschlĂ€gt jeden, der sich ihm in den Weg stellt und findet Nina, die halb betĂ€ubt auf einem Bett liegt. Er trĂ€gt das MĂ€dchen aus dem Haus und fĂ€hrt mit ihr in ein einfaches Hotel. Dort erfahren sie im Fernsehen vom Suizid des Senators. Plötzlich stĂŒrmen Polizisten in ihr Zimmer. Der eine von ihnen nimmt Nina mit, den anderen kann Joe in einem Zweikampf töten. Als er McCleary von Ninas erneuter EntfĂŒhrung erzĂ€hlen will, dieser jedoch nicht ans Telefon geht, sucht er dessen BĂŒro auf. McCleary ist tot. Zu Hause findet er auch seine Mutter erschossen im Bett liegend vor. Die Mörder befinden sich noch im Haus. Einen erschieĂt Joe sofort, der andere schleppt sich angeschossen durch die Wohnung. Joe fragt ihn, warum der Senator sterben musste, worauf dieser ihm antwortet â...weil er aus allem raus wollteâ. Auf die Frage nach Ninas Aufenthaltsort bekommt er die Antwort âWilliamsâ. Dabei handelt es sich um Gouverneur Williams, dessen ParteigĂ€nger Votto war. Nina sei Williams Favoritin und âsie tauschen die MĂ€dchenâ.
Joe fĂ€hrt mit der Leiche seiner Mutter zu einem an einem Wald gelegenen See. Er hat nicht nur den Plastiksack, in dem sich ihr Körper befindet, mit Steinen beschwert, sondern sich einige davon auch in die Taschen seines Anzugs gesteckt. Er trĂ€gt seine Mutter in den See und versinkt gemeinsam mit ihr. Als Joe plötzlich das Bild von Nina in den Kopf kommt, nimmt er die Steine aus seinen Taschen und taucht wieder auf. Er observiert Gouverneur Williams, folgt dessen Limousine und richtet auf dessen Anwesen ein weiteres Blutbad an. Williams selbst findet er jedoch bereits tot im Haus vor. Nina hat ihm mit einem Rasiermesser die Kehle aufgeschlitzt. Joe fĂŒhlt sich als Versager.
Joe und Nina gehen in einen Diner. Beide wissen nicht, wohin sie nun sollen. Joe schlĂ€ft kurz ein und trĂ€umt, dass er sich mit einem Kopfschuss umbringt. Das MĂ€dchen weiĂ nur, dass es raus will und erinnert ihren Retter daran, dass drauĂen so ein wunderschöner Tag sei.
Produktion
Regie fĂŒhrte die schottische Regisseurin Lynne Ramsay, die auch den Roman von Jonathan Ames als Drehbuch adaptierte. Joaquin Phoenix ist in der Hauptrolle als Joe zu sehen. In RĂŒckblenden wird dieser von Dante Pereira-Olson verkörpert. Die Rolle seiner Mutter ĂŒbernahm Judith Roberts. John Doman spielt Joes Auftraggeber John McCleary. Die Nachwuchsschauspielerin Ekaterina Samsonov ĂŒbernahm die Rolle von Nina, die Joe aus dem Bordell befreit.
Die deutsche Synchronisation entstand nach einem Dialogbuch und der Dialogregie von Christian Schneider im Auftrag der Interopa Film GmbH, Berlin. Tobias Kluckert leiht in der deutschen Fassung Joe seine Stimme, Luise Lunow seiner Mutter. Sein Auftraggeber John McCleary wird von Eberhard Haar synchronisiert, die verschwundene Nina von Emily Gilbert und ihr Vater Senator Albert Votto von Matthias Deutelmoser.
Die Filmmusik wurde von Jonny Greenwood komponiert. Er hatte mit Ramsay bereits fĂŒr den Film We Need to Talk About Kevin zusammengearbeitet und bezeichnet sich selbst als ein groĂer Fan der Regisseurin. Die Streicher vom London Contemporary Orchestra waren fĂŒr die Aufnahme in das Studio seiner Band Radiohead gekommen und hatten hierbei gezeigt, dass ihre Instrumente nicht nur sanft, sondern auch sehr brutal gespielt werden können, so der Filmkomponist. Besonders stolz sei er auf das musikalische Thema Tree gewesen, so Greenwood in einem Interview mit Leonie Cooper von NME, das im Film in der Szene am See verwendet wird und ein weiteres Mal im Abspann zu hören ist.cite-ref-5[5] Der Soundtrack zum Film umfasst 14 MusikstĂŒcke und wurde am 9. MĂ€rz 2018 in den USA von Lakeshore Records und Ăbersee von Invada Records digital und spĂ€ter auch in physischer Form veröffentlicht.cite-ref-6[6] Eine Woche zuvor hatte Greenwood das StĂŒck Dark Streets veröffentlicht.cite-ref-7[7] Am 16. MĂ€rz 2018 stieg der Soundtrack auf Platz 47 in die Soundtrack Albums Chart Top 50 ein.cite-ref-8[8]
Zu den weiteren im Film verwendeten MusikstĂŒcken, die nicht auf dem Soundtrack enthalten sind, gehören unter anderem The Air That I Breathe von Albert Hammond und After the Lovinâ von Engelbert. Zudem wird das von Bernard Herrmann komponierte Thema aus dem Film Psycho angespielt.cite-ref-9[9] AuĂerdem singt Joe mit seiner Mutter eine mnemonische Version des Alphabets und spĂ€ter mit ihrem Mörder I've Never Been to Me von Charlene.cite-ref-10[10]cite-ref-11[11]
Der Film feierte am 27. Mai 2017 im Rahmen der Filmfestspiele in Cannes seine Premiere. Er war als unfertiger Film eingereicht und wurde nur wenige Tage vor seiner Premiere fertiggestellt. Auch wenn es heiĂt, der Film sei nicht rechtzeitig fĂŒr Cannes fertig geworden, erklĂ€rte Ramsay, bei der dort gezeigten Version habe es sich um die letzte Schnittfassung gehandelt.cite-ref-12[12] Im Oktober 2017 erfolgte eine Vorstellung beim London Film Festival. Ab 19. Januar 2018 wurde der Film im Rahmen des Sundance Film Festivals gezeigt.cite-ref-13[13] In Deutschland wurde der Film im Januar 2018 erstmals im Rahmen der Fantasy Film Fest White Nights des Fantasy Filmfests gezeigt. Im April 2018 erfolgte eine Vorstellung beim Lichter Filmfest.cite-ref-14[14] Anfang April 2018 kam der Film auch in die US-Kinos. Ein Kinostart in Deutschland erfolgte am 26. April 2018.cite-ref-15[15] Im August 2018 soll der Film beim Melbourne International Film Festival gezeigt werden.cite-ref-16[16]
Rezeption
Altersfreigabe und Kritiken
In den USA erhielt der Film von der MPAA ein R-Rating, was einer Freigabe ab 17 Jahren entspricht.cite-ref-17[17] In Deutschland erhielt der Film eine Freigabe ab 16 Jahren. In der FreigabebegrĂŒndung heiĂt es: âEs gibt mehrere Gewalt- und Tötungsszenen, aber die Gewalt wird nie ausgespielt oder verherrlicht â oft findet sie sogar auĂerhalb des Bildes statt. Jugendliche ab 16 Jahren haben keine Probleme, diese Szenen zu verarbeiten. Sie können auch der Geschichte problemlos folgen und die moralisch ambivalente Hauptfigur angemessen kritisch einordnen.âcite-ref-18[18]
Auf Rotten Tomatoes ĂŒberzeugte der Mystery-Thriller 89 Prozent der Kritiker (bei 288 Reviews), wobei insbesondere die Performance des Hauptdarstellers oft positiv hervorgehoben wurde. Im Konsens heiĂt dort auĂerdem, mit dem Film werde Lynne Ramsay als eine der einzigartigsten und kompromisslosesten Stimmen des modernen Kinos bestĂ€tigt.cite-ref-19[19]
Stefan Stosch von der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung meint, Ramsey reduziere die Handlung auf das nötige Minimum und erzĂ€hle in ihrem Film die Geschichte eines Mannes, der an der BrutalitĂ€t und dem Wahnsinn der Welt beinahe erstickt und sich nach einem letzten Rest Unschuld sehnt, die er lĂ€ngst verloren hat. Stosch bemerkt weiter, es habe schon einige Ă€hnliche Exemplare in der Kinogeschichte gegeben, die es zu groĂer BerĂŒhmtheit gebracht haben, so der von Robert De Niro in Taxi Driver gespielte Travis Bickle, der die jugendliche Prostituierte Iris, gespielt von Jodie Foster, rettet, aber auch Jean Reno als LĂ©on â Der Profi, der sich der misshandelten Mathilda, gespielt von Natalie Portman, annimmt. In A Beautiful Day spĂŒre man jedoch auch den Schmerz, den Joe mit sich herumtrĂ€gt, so Stosch: âMag sein, dass Joe Kinder aus den FĂ€ngen des Bösen retten kann. Ihn selbst kann niemand erlösen.âcite-ref-hazstosch-20-0[20]
Till Kadritzke sagt: âRamsey fragmentiert, will uns an die Nerven, mit Detailaufnahmen von scheinbar bedeutsamen Dingen eher irritieren als ernsthaft puzzlen. Und mit Gewalt verstören, natĂŒrlich, aber es ist eine Gewalt, der niemals affektive AutoritĂ€t zugestanden wird.âcite-ref-21[21]
Kris Tapley von Variety brachte You Were Never Really Here frĂŒhzeitig als möglichen Kandidaten in der Kategorie Bester Film bei der anstehenden Oscarverleihung ins GesprĂ€ch. Ramsay habe den gemeinsten Film des Jahres gedreht, und die Leistung von Joaquin Phoenix sei herausragend, der als Schauspieler ebenfalls ein möglicher Kandidat sei. Auch den Filmschnitt hĂ€lt Tapley fĂŒr Oscar-wĂŒrdig.cite-ref-22[22]
Auszeichnungen (Auswahl)
âą Nominierung als Bester britischer Film (Lynne Ramsay, Rosa Attab, Pascal Caucheteux und James Wilson)
âą Nominierung als Bester britischer Independent-Film
âą Nominierung fĂŒr die Beste Regie (Lynne Ramsay)
âą Nominierung fĂŒr das Beste Drehbuch (Lynne Ramsay)
âą Nominierung als Bester Schauspieler (Joaquin Phoenix)
âą Auszeichnung fĂŒr die Beste Filmmusik
Boston Film Critics Society Awards 2018
âą Auszeichnung fĂŒr die Beste Regie (Lynne Ramsay)
âą Auszeichnung fĂŒr die Beste Filmmusik â Runner up (Jonny Greenwood)cite-ref-25[25]
âą Nominierung fĂŒr den Besten Soundtrack (Jonny Greenwood)cite-ref-26[26]
Hollywood Professional Association Awards 2018
âą Nominierung als Bester Film (Rosa Attab, Pascal Caucheteux, Rebecca OâBrien, Lynne Ramsay, James Wilson)
âą Nominierung fĂŒr die Beste Regie (Lynne Ramsey)
âą Auszeichnung fĂŒr den Besten Filmschnitt (Joe Bini)
âą Nominierung als Bester Hauptdarsteller (Joaquin Phoenix)cite-ref-28[28]
âą Nominierung fĂŒr die Goldene Palme (Lynne Ramsay)
âą Auszeichnung fĂŒr das Beste Drehbuch (Lynne Ramsay)
âą Auszeichnung als Bester Darsteller (Joaquin Phoenix)
National Board of Review Awards 2018
âą Aufnahme in die Top 10 Independent Filmscite-ref-29[29]
National Film Awards UK 2018
âą Nominierung als Bestes Filmdrama
âą Nominierung als Bester Actionfilm
âą Nominierung fĂŒr die Beste Regie (Lynne Ramsay)
âą Nominierung fĂŒr das Beste Drehbuch (Lynne Ramsay)
âą Nominierung als Beste Nebendarstellerin (Judith Roberts)cite-ref-30[30]
âą Nominierung als Bester Film
âą Nominierung fĂŒr die Beste Regie (Lynne Ramsay)
âą Nominierung als Bester Hauptdarsteller (Joaquin Phoenix)cite-ref-31[31]
Filmanalyse
Filmtitel und Filmgenre
Nach der Buchvorlage von Jonathan Ames hat der Film im Original den Titel You Were Never Really Here. Hierzu merkt Stefan Stosch von der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung an, manchmal scheine Joe, der Mann mit dem Zauselvollbart, regelrecht von der BildflĂ€che zu verschwinden: âEben war er noch da, plötzlich hat ihn die Dunkelheit wieder verschluckt. Joe umweht etwas Geisterhaftes.âcite-ref-hazstosch-20-1[20] A Beautiful Day, der deutsche Titel des Films, bezieht sich hingegen auf den von Nina am Ende gesprochenen Satz âEs ist ein wunderschöner Tagâ, den Joe wiederholend bestĂ€tigt, nachdem er sie ein weiteres Mal befreit hat.
Die Filmkritikerin Antje Wessels meint, im Grunde genommen sei A Beautiful Day in erster Linie das Charakterdrama ĂŒber einen Mann, dessen innere Zerrissenheit zwischen absoluter Hingabe und purer Resignation Joaquin Phoenix kongenial auf die Leinwand bringt.cite-ref-quotenmeterwessels-32-0[32] Kai Mihm von epd Film sagt, die Regisseurin und ihr Hauptdarsteller trieben mit A Beautiful Day ein auĂergewöhnliches Spiel mit Genrekonventionen: âDer Ansatz ist intelligenter und hintergrĂŒndiger. Ramsay baut Erwartungen auf, um diese gezielt zu unterlaufen, etwa wenn sich gröĂere Actionszenen ankĂŒndigen, die dann aber so nicht stattfinden â wenn ĂŒberhaupt. Sie baut dramaturgische Irritationen ein und verweigert die genreĂŒblichen, meist durch Gewalt erzielten Befriedigungen. Mord und Totschlag finden fast ausschlieĂlich auĂerhalb des Kamerablicks statt; oder sie sind bereits passiert, wenn Ramsays exzellenter Cutter Joe Bini an den Ort des Geschehens schneidet.âcite-ref-33[33]
Filmaufbau und Figurenanalyse
Auch Katja Nicodemus von Zeit Online merkt an, der Film zeige nicht die Gewalt, sondern lediglich die Folgen.cite-ref-zeitonlinenicodemus-34-0[34] Die Szene in einem Hotelzimmer, mit der der Film beginnt, beschreibt sie wie folgt: âDie Kamera zeigt GegenstĂ€nde des Menschen, den Joe dort offenbar gerade umgebracht hat: Eine Halskette mit dem Schriftzug Sandy. Ein Portemonnaie. Das Foto eines MĂ€dchens mit asiatischen GesichtszĂŒgen â Joe wird es im MĂŒlleimer verbrennen. Und dann Nahaufnahmen der Narben des Auftragsmörders. Erst nach und nach werden die fragmentierten Einstellungen des bulligen Körpers zu einer Person.âcite-ref-zeitonlinenicodemus-34-1[34]
Stefan Stosch von der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung erklĂ€rt, A Beautiful Day sei zwangslĂ€ufig ein brutaler Film und eine heftige Seherfahrung, wer jedoch die Augen nicht vor dem Entsetzlichen verschlieĂe, werde feststellen, dass er mehr schlussfolgert, als er sieht: âDie Eruptionen der Gewalt finden zumeist auĂerhalb des Blickfelds statt. Oder die Kamera ist erst dann zur Stelle, wenn der Gegner schon blutĂŒberströmt am Boden liegt.â Erwartungshaltungen wĂŒrden so geschickt ausgehebelt, Vieles laufe hier nur suggestiv ab und kippe zudem auch noch in manchem Moment ins Surreale, so Stosch weiter.cite-ref-hazstosch-20-2[20]
Antje Wessels bemerkt, der Film beschreibe zudem nicht bloĂ Joes KillerattitĂŒde, sondern gebe zugleich auch einen Einblick in sein Seelenleben: âDer ehemalige FBI-Agent ist nur noch ein Schatten seiner selbst und wohnt den vielen Gewalttaten wie ein Zuschauer bei. Selten hat es einem vermeintlichen Helden so wenig VergnĂŒgen bereitet, fĂŒr das Gute zu kĂ€mpfen â eine ganz neue Erfahrung fĂŒr den Zuschauer von A Beautiful Day.âcite-ref-quotenmeterwessels-32-1[32]
Stefan Stosch erklĂ€rt, von Joes Lebensgeschichte erfahre man nur in kurzen, flĂŒchtigen, manchmal auch rĂ€tselhaften RĂŒckblenden wie bei einem Puzzlespiel. Er nennt als Beispiel eine Szene, in der er in einem Kriegsgebiet irgendwo im Nahen Osten einem MĂ€dchen einen Schokoriegel schenkt und dieses MĂ€dchen Sekunden spĂ€ter wegen ebenjenes Schokoriegels von einem Jungen erschossen wird.cite-ref-hazstosch-20-3[20] Peter Zander von der Berliner Morgenpost bemerkt, der einsame KĂ€mpfer mit dem Allerweltsnamen sei hier von Anfang an eine mĂŒde, ausgebrannte, ja somnambule Figur und kein typischer Killer, sondern verstehe sich als Kinder-Retter.cite-ref-berlinermorgenpostzander-35-0[35] Joe ist nicht nur vom Krieg traumatisiert und sein Körper und seine Seele von Narben ĂŒbersĂ€t.cite-ref-36[36]
Felix Zwinzscher von Welt Online vermutet, dass Joe schon seit seiner Jugend traumatisiert ist, auch wenn nicht ganz klar werde warum, sondern der Film nur andeute, dass es irgendwas mit seinem Vater, hĂ€uslicher Gewalt und seiner Vergangenheit als US-Soldat zu tun haben mĂŒsse.cite-ref-37[37] Peter Zander vermutet, dass er als Kind vom eigenen Vater missbraucht worden ist.cite-ref-berlinermorgenpostzander-35-1[35] Nicht nur Joes Seele hat hierbei Schaden genommen. Bert Rebhandl von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bemerkt, dass seine Traumata auch Schneisen durch seinen Körper geschlagen haben, und Ramsay tue alles, um ihn als einen Untoten wieder zusammenzusetzen, einen Mann, der sich zugleich den SchĂ€del wegblasen kann und dabei den Schlaf des extremen Gerechten weiterschlĂ€ft.cite-ref-38[38] Katja Nicodemus glaubt, mit dem Hammer sei die Gewalt in seiner Kindheit ausgeĂŒbt worden, weshalb dieser heute Joes bevorzugte Waffe ist.cite-ref-zeitonlinenicodemus-34-2[34]
Die Regisseurin selbst sagte in einem Interview mit dem Tagesspiegel, Joe sei eine exemplarische Figur, ein gebrochener Actionheld, der von der Gewalt gezeichnet ist, und er sei fehlbar und könne weder sich selbst oder seine Mitmenschen erkennen. Weiter meinte Ramsay, die Gewalt, die wir tÀglich erleben, sei so explizit, dass sie im Kino banal erscheine. Daher sei sie erstaunt, dass der Film als so brutal wahrgenommen werde, obwohl die Gewalt im Off stattfinde."cite-ref-39[39]
Visueller und akustischer Stil
Alexandra Seibel vom Kurier sagt ĂŒber Lynne Ramsey, die auf haptisches Kino stehe, ihre Filmbilder wollten nicht nur vom Auge gesehen, sondern vom ganzen Körper gefĂŒhlt werden, wie das FlĂŒstern auf der Tonspur, der Fluss des Atmens oder das GerĂ€usch des Regens. Auch die Kamera ĂŒbernehme bei Ramsey die Funktion des Tastsinns, so Seibel, so wenn sie zĂ€rtlich ĂŒber HautoberflĂ€chen streicht und in Nahaufnahmen wie eine Landschaft erforscht. Das mit grauem Barthaar zugewachsene Gesicht von Joaquin Phoenix, sein mĂ€chtiger Körper, seine Narben auf dem RĂŒcken und sein Bauch wĂŒrden ausgelotet wie ein GebĂ€ude, so Seibel. Weiter zeige die Regisseurin in Nahaufnahmen, wie es aussieht, wenn Menschen Jelly Beans zwischen ihren Fingern zerdrĂŒcken oder sich ZĂ€hne aus dem blutigen Mund ziehen. Die Suche danach, wie sich etwas anfĂŒhlt â sowohl innerlich wie auch Ă€uĂerlich â beflĂŒgele Ramseys Bildsuche, so Seibel.cite-ref-kurierseibel-40-0[40]
Michael Pekler vom Standard erklĂ€rt, A Beautiful Day sei in erster Linie durch die physische PrĂ€senz Joaquin Phoenixâ geprĂ€gt, dessen Körper Kameramann Thomas Townend wie ein zerstörtes Kunstwerk abtaste, und seine ganze Vergangenheit habe sich in diesen Körper eingeschrieben, vor allem in seine Narben.cite-ref-41[41]
Antje Wessels merkt an, auch wenn Joe einen Hammer als Waffe benutze, spritze kein Blut. Dennoch genĂŒgten Lynne Ramsey gezielt platzierte Andeutungen dessen, wie grĂŒndlich Joe seinen Gegenspielern die Lichter ausknippst. Weiter bemerkt Wessels, die Regisseurin verzichte bis zum Ende auf das visuelle Spektakel, dem sich gerade das Actionkino nur zu gerne hingebe. Optische Besonderheiten genehmige sich die Filmemacherin nur in vereinzelten Traumsequenzen, die das bis dato so betont emotionslose Geschehen in ihrer Symbolhaftigkeit regelrecht konterkarierten, auch wenn diese Szenen nicht ganz zum restlichen Stil des Films passten.cite-ref-quotenmeterwessels-32-2[32]
Katja Nicodemus erklĂ€rt, Ramsay verwende Bilder und Erinnerungen, wie unser Bewusstsein es tue. Auf flieĂende Weise verknĂŒpfe sie GegenwĂ€rtiges mit Vergangenem, PrĂ€sentes mit VerdrĂ€ngtem und entwickeln daraus eine eigentĂŒmliche Poesie: âPlötzlich in die Wahrnehmung gerĂŒckte Details, ungewöhnlich angeschnittene Einstellungen und wie Gedankenblitze wirkenden EinschĂŒbe ergeben bei Ramsay so etwas wie eine visuelle Signatur.âcite-ref-zeitonlinenicodemus-34-3[34]
Nicht nur mit ihrem Kameramann kreiere Ramsey um Joes Figur herum eine flirrende AtmosphĂ€re aus Gewalt, Rebellion und Hoffnung(slosigkeit), sondern auch gemeinsam mit ihrem Komponisten Jonny Greenwood, so Antje Wessels.cite-ref-quotenmeterwessels-32-3[32] Alexandra Seibel vom Kurier erklĂ€rt, Joes oft verstörte Wahrnehmung verschwimme zu dem nervösen Sound von Greenwood zu somnabulen Lichtstreifen in Neo-Noir.cite-ref-kurierseibel-40-1[40] In der Filmkritik von heute.at heiĂt es, in dem genialen Soundtrack spiegelten sich Joes seelische AbgrĂŒnde wider, was visuell nicht immer so einwandfrei funktioniere, obwohl auch Ramsays Hackschnitzelstil die innere Zerrissenheit des Helden verdeutliche.cite-ref-42[42] Kai Mihm von epd Film hingegen bemerkt, die Filmmusik, so gut sie an vielen Stellen passe, behaupte manchmal eine dröhnende Dramatik, die der Film gar nicht bieten will.cite-ref-43[43]
Weblinks
Commons
: You Were Never Really Here
â Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
âą A Beautiful Day bei IMDb
âą A Beautiful Day in der Deutschen Synchronkartei
âą You Were Never Really Here im Programm der Filmfestspiele von Cannes 2017 (englisch)
âą You Were Never Really Here â Drehbuch zum Film (PDF, englisch)
âą A Beautiful Day â Trailer von epd Film bei Youtube (Video)
âą A Beautiful Day â Informationen zum Film von Constantin Film
Einzelnachweise
cite-note-fsk-11. Freigabebescheinigung fĂŒr A Beautiful Day. Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (PDF; PrĂŒfÂnummer: 176622/K).Vorlage:FSK/Wartung/typ nicht gesetzt und Par. 1 lĂ€nger als 4 Zeichen
cite-note-22. â Zack Sharf: Lynne Ramsay: âI Found My Soulmate in Making Moviesâ With Joaquin Phoenix. In: indiewire.com, 23. Februar 2018.
cite-note-33. â James Mottram: Scots filmmaker Lynne Ramsey lays into Netflix as she premiers her new movie at Cannes Film Festival. In: The Herald, 28. Mai 2017.
cite-note-44. â Jonathan Romney: Interview: Lynne Ramsay. In: filmcomment.com, 5. MĂ€rz 2018 (englisch).
cite-note-55. â Leonie Cooper: Radioheadâs Jonny Greenwood on scoring the brutal âYou Were Never Really Hereâ. In: nme.com, 6. MĂ€rz 2018.
cite-note-66. â âYou Were Never Really Hereâ Soundtrack Details. In: filmmusicreporter.com, 26. Februar 2018.
cite-note-77. â Randall Colburn: Jonny Greenwood shares âDark Streetsâ from You Were Never Really Here score: Stream. In: consequence.net, 2. MĂ€rz 2018 (englisch).
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